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Mit freundlicher unterstützung von:

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Satellite s31 im Kunstraum Engländerbau in Vaduz (LI)

Satellite s31
Dimension: 15 x 9 x 3.5 m
Soundsystem: Generativer Algorithmus erzeugt in Echtzeit mit Hilfe von Medizinalsensoren und einem virtualisierten Synthesizer Rack einen sich nie repetierenden Klangteppich.
Material: Holz, Pavatex, PU-Kleber, Nägel, Schrauben, Bootslack, elektronik, Lautsprecher, Medizinalsensoren.
Jahr: 2025

Rede von Stephan Sude, Vorsitzender der Fachkommission des Kunstraum Engländerbau, anlässlich der Venissage.

Satellite s31 von Bruno Streich ist ein Projekt, das im Ausstellungsprogramm des Kunstraums Engländerbau eine Sonderstellung einnimmt. Es steht ein einzelnes Grossobjekt in dem – abgesehen davon – leeren Raum. Dadurch erhalten wir die Chance, den (Kunst-)Raum völlig neu zu erfahren.

Die Assoziation zum offenen Weltraum liegt nahe, obwohl sich Satelliten eigentlich in berechenbaren Bahnen, mit einer vorprogrammierten Aufgabe und immer in Verbindung mit der Erde bewegen. Das Objekt hier im Kunstraum tritt interaktiv, gesteuert durch ausgeklügelte Sensoren, mit ihnen, den Besucher:innen, in Verbindung. Dies erinnert sofort an Satellitenkommunikation, Navigation, Wetterüberwachung, oder Spionage. Es entsteht zudem der Eindruck direkter Kommunikation.

Bruno Streich interessiert sich für die Schnittstellen von Kunst und Wissenschaft. Die Ausstellung thematisiert dementsprechend hochaktuelle Fragen zur Mensch-Maschine-Interaktion, zu künstlicher Intelligenz und deren Auswirkungen auf den privaten und beruflichen Alltag, zur aktuellen Weltpolitik und Instrumentalisierung der Wissenschaften, zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen und nicht zuletzt zur Kommerzialisierung des Weltraums.

Der Titel – Satellite s31 – verweist auf die Reihenfolge innerhalb einer Serie, doch ist jedes Werk individuell zu

betrachten. S31 wurde speziell für die Ausstellung im Kunstraum entworfen und realisiert. Bemerkenswert ist die Konstruktion der Grossskulpturen dieser Werkreihe. Sie orientiert sich strikt an den Prinzipien des Leichtbaus und der Funktionalität in der Raumfahrt. Während das Innere die Funktion und Statik der Konstruktion klar erkennen lässt, bezieht der Künstler diese konstruktiven Gegebenheiten bewusst in seine künstlerische Gestaltung mit ein. So bestimmt die innere Struktur gleichzeitig auch die Form der Aussenhaut mit. Man könnte meinen, die Gestaltung folge dem Prinzip „form follows function“. Es entsteht quasi der Eindruck, der Künstler lehne sich an die Prinzipien von Produktdesignern an, indem er der Maxime folgt, dass Funktion die Form dominiert. Fast könnte man glauben, das Objekt bestimme selbst seine Form und Ästhetik. Doch Streichs Werke sind keine Gebrauchsgegenstände, sondern allein Kunstobjekte. Sie haben also keinen anderen Zweck als Kunst zu sein. Der Künstler will uns lediglich glauben machen, dass die Gestaltung seiner Objekte, bezogen auf deren äusseren Eindruck, funktionsbedingt sei. Streich nutzt sein Wissen über Leichtbau und Flugzeugstatik, um es seinem Willen und seiner Gestaltungslust unterzuordnen. Interessant dabei ist, dass seine Satelliten aus relativ einfachen Materialien bestehen: Holz, PU-Kleber, Nägel, Schrauben, Bootslack sowie leicht zugänglicher Elektronik (Raspberry Pi mit VCV-Rack), Sensoren und Lautsprechern. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Hightech-Materialien, die Raumfahrt erst ermöglichen. Er erzeugt die Illusion, vor einem funktionierenden Satelliten zu stehen. Tatsächlich sehen wir ein durchdachtes, bis ins kleinste Detail konzipiertes Kunstwerk. Der Künstler spielt auf geschickte und durchaus auch humorvolle Weise mit der Erwartungshaltung von uns Rezipient:innen.

Und wir lassen uns willig darauf ein.

Betrachtet man die Konstruktion und die Präsenz des Objektes, zeigt sich dessen Äusseres ebenso wie sein Inneres. Streichs Werke sind gleichzeitig detailliert, ästhetisch ausgearbeitet und roh. Sie lassen den Blick ins Innere zu. Man erkennt Stringer und Spanten, Fertigungstoleranzen, sogar Spuren der Verklebung der Einzelteile. Streich nutzt das Instrumentarium, das für reale Satellitenberechnungen essenziell ist, doch anders als bei realen Gebrauchsgegenständen bleibt die Konstruktion hier sichtbar. Wir erkennen neben Materialien, auch Techniken und statische Prinzipien. Um dem Kunstobjekt Stabilität zu verleihen, sind umfangreiche Materialstudien nötig. Der Künstler muss, ebenso wie sein innerer Kollege der Raumfahrt-Ingenieur, sein Vokabular verinnerlichen. Die Schwierigkeit der Aufgabe darf nicht unterschätzt werden – vor allem angesichts der Grösse und Komplexität des Objekts, Streich hat so auch ein Jahr an der Planung und Umsetzung gearbeitet. Trotz des immensens Aufwands bleibt selbst die elektronische Sensorik offen erkennbar. Dies ermöglicht eine neue Perspektive auf das Kunstwerk. Der Künstler nimmt sein Publikum mit in seine Gedankenwelt und lässt es in die Logik hinter der oberflächlichen Erscheinung blicken. Während er die Illusion eines Satelliten aufbaut, dekonstruiert er sie im selben Atemzug gleich lustvoll wieder. Diese Gleichzeitigkeit ermöglicht einen ungewohnten Zugang – sowohl erklärend als auch assoziativ. Streich ist offensichtlich fasziniert von den Gegensätzen, die diese Welt beherrschen. Seine Arbeit spiegelt diese Realität – direkt, ohne Umwege oder Verklärung. Trotz der spektakulären Präsenz seiner Werke bleibt seine Kunst subtil und zugänglich. Das Narrativ ist zwar stets präsent, es stellt sich aber nicht über die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit der Rezipient:innen.

Die Skulptur Satellite s31 ist mehr als nur ein Objekt – sie ist auch ein interaktives Instrument. In drei speziell gestalteten Bereichen interagiert der Satellit mit den Besucher:innen. Mithilfe medizinischer Sensoren werden berührungslos Parameter wie Herzfrequenz, Bewegungen, Distanzen und Umgebungsdaten gemessen. Diese Signale dienen als Input für ein virtuelles Synthesizer-Rig, das in einen immersiven, sich niemals wiederholenden Klangteppich übersetzt wird. So transformiert die Skulptur zu einem scheinbar lebendigen Organismus, der durch die blosse Präsenz der Besucher:innen aktiviert wird. Dieser Klangraum ist gleichermassen flüchtig und einzigartig – ein akustisches Echo der Menschen, die sich im Raum bewegen. Die Interaktion zwischen Körper und Skulptur, Mensch und Maschine, schafft eine Erfahrung jenseits des Sichtbaren. Das Objekt transformiert zum Körper. Und wie bei zwischenmenschlichen Interaktionen beeinflussen die Besucher:innen die Reaktionen, können sie aber nicht vollständig kontrollieren. Eine Dynamik von Zufall und Resonanz entsteht.

 

Wie bereits eingangs erwähnt, nimmt die Skulptur den Kunstraum allein in Anspruch. 360 Quadratmeter Fläche und 4.05 Meter Raumhöhe sind für sich betrachtet beachtlich. Doch für dieses Werk sind diese Dimensionen keineswegs grosszügig. Ein Satellit schwebt in einem für Menschen unermesslichen Raum. Hier jedoch ist das Kunstwerk von Wänden, Boden und Decke umgeben – wirkt fast schon eingezwängt. Dennoch wird der Eindruck von Grösse vermittelt, aber nicht mehr der Umgebungsraum definiert hier die Dimension, sondern die Körperhaftigkeit des Objekts selbst. Und Raum spielt auch für den Bau der Kunstwerke Streichs eine entscheidende Rolle. Der menschliche Körper, seine Reichweite, Beweglichkeit, Kraft und Funktion, hier der Körper des Künstlers, bedingt klare Vorgaben für Konzeption und Zusammenbau. Der Zusammenbau erfolgt somit unter kontrollierten und klar definierten Bedingungen, und alles folgt einer logischen Ordnung.

 

Inspiration und Quellen für diesen Text waren neben dem Objekt «Satellite S.31» auch Texte von Bruno Streich und Andres Pardey sowie Gesprächsnotizen von Sandra Bradvic.